Interview

Wirtschaftsflächen, Innovation, Standortmarketing. Was sind die Aufgaben einer Wirtschaftsförderung, die Zukunft gestaltet?

KIEL.SAILING.CITY gehört als wachsende Stadt mit 249.00 Einwohnern zu den häufig zitierten Städten, die sich bundesweit positiv entwickeln. Die kleinteilige, mittelständische Wirtschaft in Kiel erweist sich seit Jahren als stabil, vor allem in ökonomischen Krisenzeiten. Doch Kiel befindet sich mit den rund 9.600 Unternehmen und 127.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigen in einem wichtigen Strukturwandel. Das zeigen die wirtschaftlichen Herausforderungen des digitalen Wandels, das veränderte Weltklima und die Wirkungen durch den Corona-Lockdown. „Daher liegt der Fokus der Wirtschaftsförderung in der Zukunftsfähigkeit der Unternehmen und des Wirtschaftsstandortes insgesamt.“, so Werner Kässens, Geschäftsführer der Kieler Wirtschaftsförderung (KiWi).

Die digitale Transformation ist in kaum einem anderen Bereich der Gesellschaft so offensichtlich wie in der Wirtschaft. Die klassischen Industriebetriebe stellen sich verstärkt den innovativen Herausforderungen, der Anteil der digitalen Wirtschaft, wissensintensive Dienstleistungen, automatisierte Produktion und neue Technologien wächst. Die Digitalisierung und vielschichtige Transformationsprozesse erhalten Einzug in Unternehmen. Mit rd. 83 % der Bruttowertschöpfung prägt der starke Dienstleistungssektor den Wirtschaftsstandort in Kiel.

Geschäftsführer der Kieler Wirtschaftsförderung Werner Kässens

Wir sprechen mit Werner Kässens, Geschäftsführer der Kieler Wirtschaftsförderung (KiWi), über die Bedeutung dieser Entwicklungen für den Wirtschaftsstandort Kiel und die KiWi.

Herr Kässens, welchen Auftrag sehen Sie für die Wirtschaftsförderung, wenn es um die Unterstützung von Unternehmen geht?

Wirtschaftsförderung verfolgt das strategische Ziel, dass die Unternehmen zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen und Investitionen in den Wirtschaftsstandort leisten. Ein typisches Kieler Unternehmen hat 21 Beschäftigte, nur 3,5 Prozent der Betriebe haben aktuell mehr als 100 Beschäftigte. Das zeigt die Bedeutung der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Kiel. Für nachhaltiges Wachstum brauchen diese Betriebe attraktive Standorte. Die Entwicklung von Wirtschaftsflächen ist daher eine wichtige Strukturaufgabe einer aktiven Wirtschaftsförderung. 

Ein weiteres Thema für Unternehmen: Die Zukunft – denn die ist unbekannt. Mit dieser Unsicherheit umzugehen, fällt uns schwer. Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft bedeutet Offenheit für Transformations- und Veränderungsprozesse durch Digitalisierung, neue Technologien, und neue Formen der Zusammenarbeit. Das Prinzip der digitalen Vernetzung dominiert den gesellschaftlichen Wandel. Analoge und digitale Welten überlagern sich zu einer digitalisierten Realität. Das eröffnet neue Möglichkeiten, Arbeitsformen und Geschäftsfelder für die Wirtschaft.

Die Aufgabe einer modernen Wirtschaftsförderung ist es, den Strukturwandel durch Innovation zu fördern und die richtigen Akteure aus der Wirtschaft, Wissenschaft, Start-ups und Talente zu vernetzen und so den Raum für Innovationen zu schaffen.
 

Warum ist Innovation wichtig?

Innovation ist der größte Motor für die Zukunftsfähigkeit der Produkte, der Unternehmen, einer Branche und eines ganzen Wirtschaftsstandortes.

Die Ausgaben eines Landes in Forschung und Entwicklung stehen übrigens in einem direkten Verhältnis zur Höhe des BIP: Je höher die FuE-Investitionen von Industrie sind, desto höher ist das BIP. Deutschlandweit werden 2% des BIP für private FuE-Ausgaben aufgewendet, davon entfallen 85% auf die Industrie. In SH werden insgesamt 0,83% des BIP für Forschung aufgebracht, davon immerhin 92% im verarbeitenden Gewerbe. Damit wird die Bedeutung der Industrie für den Wirtschaftsstandort deutlich: Gelänge es, die Industrie auszubauen, wären höhere Innovationsausgaben und damit eine bessere Wirtschaftsleistung die Folge. Und das bedeutet eine höhere Anzahl an hochwertigen Arbeitsplätzen. Zudem schafft ein Arbeitsplatz in der Industrie bis zu drei Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor.

Etwa 17% der Bruttowertschöpfung in Kiel werden vom Produzierenden Gewerbe erwirtschaftet. Kiels Produzierendes Gewerbe umfasst rund 1.000 Unternehmen mit rd. 17.300 Beschäftigten. Der Schwerpunkt liegt in der maritimen Wirtschaft, der Bahntechnik, dem Maschinenbau und der Gesundheitswirtschaft. Daher setzt die KiWi über die Geschäftsführung des Industriepolitischen Dialoges mit Industrie, Gewerkschaften, Verbänden und Kammern Handlungsempfehlungen für eine zukunftsfähige Industrie um.

Innovation entsteht da, wo Erfahrung auf Neugier und Regionalität auf Globalität treffen, wo Kompetenzen und Technologien zusammenkommen, wo Grundlagenforschung in die Anwendung gelangt, wo etablierte Unternehmen mit Start-ups kooperieren. Innovation bedeutet, dass eine Idee in den Markt gelangt. Es geht für eine innovative Wirtschaftsförderung vor allem darum, diese Transformations- und Innovationsprozesse zu fördern.

Der Wissenstransfer erfolgt über die klugen Köpfe. Die akademische und duale Ausbildung sind wichtige Standortfaktoren in Kiel. Diese Talente und Fachkräfte gilt es mit attraktiven Unternehmen zu vernetzen, um so die Zukunftsfähigkeit für den Wirtschaftsstandort zu fördern.
 

Was sind für Kiel die innovativen Zukunftsthemen?

Mit den Hochschulen, Bildungszentren und der Wirtschaftsstruktur in Kiel bestehen erhebliche Innovationspotenziale im Bereich Digitalisierung, Industrie 4.0 und Nachhaltigkeit.

Die Digitale Woche ist ein Nukleus für diese genannten Zukunftsthemen der Wirtschaftsförderung. Dieses Digitalfestival ist zu einem immer wichtigeren Motor künftiger Wirtschaftsweisen geworden: Zukunftsforscher, Wirtschaftsphilosophen, Unternehmer*innen, Lehrer*innen, Akteure aus Politik, Verwaltung und Hochschulen haben auf der Digitalen Woche 2020 hochwertige Diskussionen gerade um Zukunft von Wirtschaft geführt. Rund 38.000 Zuschauer*innen haben sich im September in über 280 überwiegend digitalen Veranstaltungsformaten informiert.
 

Sie haben als Schlüsselfaktoren auch die Talente und Fachkräfte genannt. Wie steht es in Kiel um gute Fachkräfte?

Grundsätzlich ist Kiel in der Ausbildung gut aufgestellt. Aktuell sind in den vier Hochschulen 36.002 Studierende eingeschrieben, während es im Wintersemester 2015 noch 8 % weniger waren. Darüber hinaus verfügt Kiel über die vier regionalen Berufsbildungszentrum rund 7.400 Auszubildende ein großes Potenzial gut ausgebildeter Fachkräfte.

Übrigens spielt der Standortfaktor Fachkräfte in dem Wettbewerb um Unternehmensansiedlungen eine immer bedeutendere Rolle. Die KiWi hat sich aktuell in einem neuen Bereich aufgestellt, den wir in der kommenden Zeit vorantreiben wollen: Bei „Kiel.Works“ geht es darum, Studierende und Absolventen mit Unternehmen zusammenzubringen – ein „Matchmaking“. Beide Seiten sollen davon profitieren: Young Professionals sollen einen tollen Start in ihr Berufsleben haben und Unternehmen werden von frischen Ideen und neuen Perspektiven profitieren.
 

Können Sie Beispiele für hochschulnahe Wirtschaftsfläche nennen?

Ein Beispiel ist der Wissenschaftspark Kiel am größten Hochschulstandort in Schleswig-Holstein. Aus dem ehemaligen Industriegebiet ist eine attraktive Wirtschaftsfläche in unmittelbarer Nachbarschaft zur Universität geworden. Über 160 Unternehmen mit über 1.000 Beschäftigten suchen dort gezielt die Nähe zur Wissenschaft, um neues Wissen und Mitarbeiter*innen aus der Hochschule für ihr Unternehmen zu gewinnen. Das Wissenschaftszentrum Kiel hat sich auf vier Etagen mit über 2.200 m² Nutzfläche –  aufgeteilt in 1.800 m² für Büroräume sowie 445 m² Veranstaltungsfläche – zu einem wissens- und technologiebasierten Innovationszentrum entwickelt. Zudem sind dort ein Fablab, die Starterkitchen von Opencampus und die Transferbeauftragten der Uni vor Ort.

Ein weiteres Beispiel für einen Ort der Innovation ist das Kieler Ostufer: In unmittelbarer Nähe zum Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und der Fachhochschule Kiel wird das neue TransMarTech (Transferzentrum für Maritime Technologien Schleswig-Holstein) entstehen. Eine GmbH dafür wird gegründet, die KiWi ist eine der Gesellschafterinnen. Hier wird ein Rahmen für die Entstehung von Innovationen im maritime Themenfeld geschaffen, um den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu befeuern.
 

Sie haben viel über die Bereitschaft der Unternehmen zur Transformation gesprochen. Welche Rolle spielt zusätzlich der Standort in der Wachstumsstrategie eines Unternehmens?

Wirtschaftsflächen müssen heute attraktiv für Unternehmen sein – und vor allem zukunftsfähig. Neben den klassischen Fragen nach der Anbindung, nach logistischen Möglichkeiten und der Bebauung müssen auch neue Themen wie E-Mobilität, smarte Gewerbegebiete, digitale Infrastrukturen, Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit mitgedacht werden.

Angesichts des veränderten Weltklimas sind intelligente und nachhaltige Nutzungs- und Entwicklungskonzepte in der Flächenentwicklung umzusetzen. Das betrifft Flächen für die Produktion genauso wie für wissensintensive Dienstleistungen und neue Technologien. Für die KiWi bedeutet das, Flächen zu vermarkten und darüber hinaus selbst aktiv als Investor zu entwickeln. Als Projektentwickler stellt die KiWi sicher, dass wichtige Schlüsselinfrastrukturen für zukunftsfähige Wirtschaftsflächen geschaffen werden.

Die KiWi koordiniert in den nächsten Jahren die größte Revitalisierung einer Gewerbefläche der letzten 20 Jahre in Kiel mit dem Industriegebiet StrandOrt Kiel in Friedrichsort. Über 150 Jahre Geschichte im Lokomotiv-, Rüstungs- und Motorenbau prägen dieses Areal, das künftig der innovative Standort für nachhaltige Produktion (Industrie 4.0) und Dienstleistung mit einer besonderen Lagegunst zum Falckensteiner Strand, für neue Technologien und insbesondere für innovative Bahntechnik sein wird.
 

Ist Kiel als Landeshauptstadt für das Wirtschaften der Zukunft also gut aufgestellt?

Ja, auf jeden Fall. Kiel gehört zu den häufig zitierten „Schwarmstädten“: eine solide Wirtschaft, wachsende Hochschulen, ein attraktives Freizeitangebot und eine gute Infrastruktur sind wesentliche Standortfaktoren in Kiel. Es gilt nun, die vorhandenen Potenziale auszubauen – im Hinblick auf Innovationen, Fachkräfte und Talente, Wirtschaftsflächen und vor allem der Kieler Unternehmen. Die KiWi wird dazu eine noch aktivere Wirtschaftskommunikation übernehmen, damit die Wirtschaftsthemen stärker in der öffentlichen Meinung um den Wirtschaftsstandort präsent werden.

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