Report

3. Konferenz Bahntechnik virtuell aus dem Wissenschaftszentrum Kiel: Perspektiven der Bahntechnik in Schleswig-Holstein

02. März 2021 - Klimawandel und Digitalisierung – das sind aktuelle Themen, die die Bahntechnik vor neue Perspektiven und Herausforderungen stellen. Das Coronavirus verändert die Arbeitswelt und hat Auswirkungen auf alle Bereiche. Wie muss sich die Bahntechnik hier positionieren? Behalten die bisher angestrebten Ziele ihre Aktualität oder werden sogar noch verstärkt?

Die 3. Konferenz Bahntechnik wurde am 18.2.2021 Corona-konform aus dem Wissenschaftszentrum Kiel an die gut 100 Teilnehmer*innen aus Unternehmen, Wissenschaft und öffentlichen Institutionen gestreamt. Während und zwischen den spannenden Vorträgen diskutierten die Gäste intensiv im Chat. Auch die Netzwerkmöglichkeit in der Pause und nach der Veranstaltung über das Tool Wonder nahmen die Teilnehmer*innen dankend an. Veranstaltet wurde die 3. Konferenz Bahntechnik von der Kieler Wirtschaftsförderung (KiWi), dem Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein, der IHK zu Kiel, der Fachhochschule Kiel und dem Beirat Bahntechnik Schleswig-Holstein.

Wirtschafts- und Verkehrsminister Dr. Bernd Buchholz betonte in seinem Grußwort die Bedeutung der Bahntechnik für Schleswig-Holstein, die einen industriellen Schwerpunkt des Landes ausmacht. Stabilität und Qualität in der Bahntechnik sind wichtig für die Mobilität im Land. Daher ist die Arbeit des Beirats Bahntechnik Schleswig-Holstein zur Unterstützung von Innovationen in der Bahntechnik in seinen Augen sehr zu begrüßen. Auch Dr. Ulf Kämpfer, Oberbürgermeister von Kiel, sprach in seinem Grußwort die Bedeutung der Bahntechnik für Kiel und Schleswig-Holstein an. Er wies auf die bereits von der Stadt gekauften und sich in Planung befindlichen Industriegebiete hin, die Perspektiven für die Entwicklung der Bahntechnik bieten werden - insbesondere das Zukunftsareal strandOrt Kiel in Friedrichsort. Klaus-Hinrich Vater, Präsident der IHK zu Kiel, hob in seinem Grußwort die Bedeutung klimafreundlicher Mobilität und die Möglichkeiten hervor, durch Digitalisierung mehr Zuverlässigkeit und Effizienz in den Personen- und Güterverkehr auf der Schiene zu bringen. Tim Hildebrandt, Vorsitzender des Beirats Bahntechnik Schleswig-Holstein, stellte in seinem Grußwort den stetig wachsenden Beirat Bahntechnik Schleswig-Holstein und dessen Arbeit vor. Trotz Corona trifft sich der Beirat mit inzwischen fast 20 Mitgliedern alle acht Wochen virtuell zum Austausch, um Impulse aufzunehmen und gemeinsame Projekte zu initiieren.

Dr.-Ing. Andreas Gille, IVE - Ingenieurgesellschaft für Verkehrs- und Eisenbahnwesen mbH

Zukünftige Perspektiven des Bahnverkehrs in SH

Dr. Gille stellt in seinem Beitrag die Ergebnisse einer landesweiten, strategischen Betrachtung des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) in SH vor, das im Auftrag des Verkehrsministeriums erstellt wurde. Die Inhalte des Gutachtens sind hochaktuell und befinden sich momentan in der weiteren Abstimmung. Zielsetzung des Gutachtens ist es, auf Grundlage einer Bestandsaufnahme ein Zukunftsszenario für den SPNV zu erstellen, um mögliche Entwicklungen aufzuzeigen und daher als Grundlage für weitere strategische Entscheidungen seitens des Landes zu dienen.

Grundsätzlich geht das Gutachten von der Prämisse aus, dass der SPNV im Land aufgrund von Klima- und Verkehrszielen gesteigert wird. Eine Nachfragesteigerung/ Neukundengewinnung in Bezug auf Schienenverkehr setzt voraus, dass grundsätzliche Eigenschaften wie Attraktivität oder Zuverlässigkeit des Verkehrs umgesetzt werden. Dies erfordert ein landesweites Strategiekonzept, um den Notwendigkeiten der Nachfragesteigerung gerecht zu werden. Hierzu stellt Dr. Gille die Methodik vor, auf dessen Grundlage eine Prognose des Verkehrs im Jahr 2035 erstellt wurde.

Er zeigt auf, dass dafür neben der Reaktivierung von bestimmten Streckenabschnitten auch ein zwei- bzw. mehrgleisiger Ausbau vonnöten ist. Dazu sollte, um die gestiegenen Fahrgastzahlen zu bewältigen, eine Erhöhung der Geschwindigkeiten auf den Strecken möglich sein. Zudem wird ein Ausbau der Elektrifizierung von aktuell 30 Prozent auf dann 90 Prozent angeraten; die Elektrifizierung sollte so ausgelegt sein, dass Erneuerbare Energien in das Netz eingespeist werden können.

Weitere entscheidende Parameter, um gestiegene Fahrgastzahlen abwickeln zu können, sind laut der Studie u.a. das Vorhalten von Ausweichrouten oder Echtzeitinformationen für die Kunden.

Dr. Gille schließt seinen Vortrag mit dem Fazit, dass es mit einer Optimierung des SPNV in SH möglich ist, gerade die erwarteten starken Nachfragsteigerung in den Ballungsräumen rund um Hamburg oder Kiel zu bewältigen. Dafür seien allerdings ambitionierte Ausbauanstrengungen der Strecken nötig.

 

Prof. Dr. Frank Meisel, Supply Chain Management, Christian-Albrechts-Universität Kiel

CAPTN – Integrierte Mobilität zu Wasser und zu Land

Prof. Meisel berichtet über den Projektantrag CAPTN Future, der im Rahmen des Zukunftsclusterwettbewerbs des BMBF von dem Projektkonsortium Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Fachhochschule Kiel eingereicht wurde. Der Projektantrag hat sich von den bundesweit über 130 eingereichten Projektskizzen zu den 16 besten Skizzen durchsetzen können.

CAPTN steht für Clean Autonomous Public Transport Network und vereint diverse transdisziplinäre Aktivitäten von CAPTN Partnern aus Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung. Die Vision des regionalen Innovationsnetzwerkes „CAPTN Future“ ist ein durch autonome Lösungen geprägtes, urbanes Mobilitätssystem, das am Beispiel Kiels entwickelt werden soll. Es ist integriert, sicher und attraktiv, reduziert den Individualverkehr deutlich und verbindet die verschiedenen Verkehrsträger zu Land und zu Wasser klima- und nutzerfreundlich intelligent miteinander. „Integriert“ bezieht sich auf die Vernetzung der einzelnen Verkehrsträger (v.a. Bus, Auto, Schiff, Fahrrad) sowie auf ein integriertes Verkehrsmanagementsystem auf Basis einer einheitlichen Systemplattform mit integriertem User Interface aber auch zu der Schnittstelle Energieversorgung. „Sicher“ umfasst Themen der Verkehrssicherheit wie auch der Datensicherheit, der (Strom-) Netzsicherheit und der Rechtssicherheit. Die Nutzung des ÖPNV soll „Attraktiv“ für die Nutzer*innen sein, sowohl in Gestaltung der ÖPNV Angebote (Preis, Fahrzeiten, Taktungen, Nachfrageorientierung etc.) als auch in Bezug auf das funktionale visuelle Design der gesamten Mobilitätskette. Der autonome und umweltfreundliche ÖPNV ist auch aus Sicht der Stadt ein attraktives Angebot für die nachhaltige Mobilität und Lebensqualität der Stadtbevölkerung. Ein wichtiger Aspekt bei neuen Mobilitätsangeboten besteht darin, durch kleinere Einheiten in größerer Anzahl eine größere Flexibilität des Mobilitätsangebotes zu schaffen und mittels z.B. KI-basierten Prognosen dem zu erwartenden Nachfragebedarf besser entsprechen zu können.

Die Umsetzung einer Mobilitätskette erfordert eine disziplinübergreifende Herangehensweise sowie eine zielgerichtete Kombination von Wissensfeldern, um die technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Innovationsaspekte in die Anwendung zu bringen. Eine solche autonome und klimafreundliche Mobilitätskette zu Land und zu Wasser existiert in dieser Form in Deutschland nicht.

In den Forschungsprojekten soll es unter anderem um Passagierschutz und -informationen auf einer autonomen Fähre und am Anleger gehen, außerdem um den sicheren Betrieb von Sensoren und Plattformen einer integrierten Mobilitätskette, um Assistenzsysteme für sichere autonome Personenfähren und um Datenplattform zur Mobilitätssteuerung. Weitere Informationen finden Sie unter: https://captn.sh/.

Die Folien des Vortrags von Prof. Dr. Frank Meisel finden Sie hier.

Dr. Torben Ott, Consist Software Solutions GmbH

Data Science in der Logistik

„Was vor fünf Jahren noch Science-Fiction war, ist heute möglich“, so Dr. Torben Ott von der Consist Software Solutions GmbH aus Kiel in seinem Vortrag über Data Science in der Logistik. Daten haben über die letzten Jahrzehnte immer mehr an Wertbeitrag gewonnen. Die Consist Software Solutions GmbH trägt dazu bei, mit Hilfe von Data Science nachhaltige Datenprodukte mit Wert zu entwickeln.

Seit vier Jahren entwickeln Mitarbeiter*innen der Consist Software Solutions GmbH im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit der DB Cargo ebensolche Produkte für den Schienengüterverkehr. Das Projekt „Wagon Intelligence“ trägt dazu bei, die Dachstrategie „Starke Schiene“ der Deutschen Bahn umzusetzen. Die Strategie verfolgt u.a. das Ziel, den Marktanteil des Schienengüterverkehrs von 18 auf 25 Prozent zu steigern. Im Rahmen des Projekts wurden Sensoren an Güterwagen angebracht, die Daten über Zustand, Standort, Route und Inhalt der Wagen liefern. Die auf diese Weise gesammelten Daten können dann zur Optimierung der Nutzung, des Streckenverlaufs und der Zusammenstellung von Zügen genutzt werden. Künstliche Intelligenz wird eingesetzt, um die Orte besonders hoher Erschütterungswahrscheinlichkeiten und Entgleisungen zu lokalisieren. Feste Kamerabrücken an der Strecke, in Kombination mit Künstlicher Intelligenz, werden zu Zwecken der Predictive Maintenance eingesetzt. So kann z.B. der Verschleiß von Bremsklötzen überwacht und der Güterwagen zum optimalen Zeitpunkt für Wartungszwecke aus dem Verkehr genommen werden.

Unternehmen und Expert*innen, die sich aktiv an der Entwicklung der Bahntechnik in Schleswig-Holstein beteiligen und Themen vorantreiben möchten, sind herzlich eingeladen, dem Beirat Bahntechnik beizutreten. Der Beirat trifft sich ungefähr alle zwei Monate. Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Beirats www.bahntechnik.sh.

Für Rückfragen und Anregungen steht Ihnen gern Frau Dr. Barbara Weig (0431.24 84 – 136  |  bweig@kiwi-kiel.de) zur Verfügung.

Neuen Kommentar schreiben